Predigt von Kardinal Comastri

PÄPSTLICHE BASILIKA ST. PETER
Heilige Messe am 27. Oktober 2018
POPULUS SUMMORUM PONTIFICUM 2018

Wir haben den Evangelisten Lukas gehört, der von dem Ausruf einer Frau berichtet – vielleicht einer Mutter. Voller Begeisterung über Jesus hat diese Mutter laut gerufen: „Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die dich genährt hat.”

Angesichts der Bedeutung des Sohnes ist es naheliegend und angemessen, an seine Mutter zu denken. Und Jesus weist die Worte der Frau nicht zurück, er vertieft sie vielmehr, indem er die wahre Größe seiner Mutter unterstreicht: Maria ist die Frau, die gelehrig auf das Wort Gottes hörte und die sich immer mit großer Demut vom Wort Gottes führen ließ.

Der größste und der entscheidende Moment des Hörens Mariens geschieht im Augenblick der Verkündigung des Engels Gabriel. Laßt uns dies kurz betrachten.

Der Evangelist Lukas beginnt die Erzählung mit den Worten: „Der Engel Gabriel wurde von Gott gesandt.” Es ist Gott, der Maria aufsucht. Darüber besteht kein Zweifel.

Und warum? Weil Gott die Mitwirkung des Menschen liebt und in unsere Geschichte eingreift, indem er an der Pforte unserer Freiheit anklopft.

Nicht alle öffnen. Nicht alle antworten, und deshalb ist die Geschichte verworren und voller Gewalt und Unrecht. Es fehlt die Erwiderung vieler Menschen auf den Ruf Gottes.

Maria hat auf den Ruf Gottes geantwortet: sie hat mit einem beeindruckenden Gehorsam geantwortet und sie hat sich auf einen Plan eingelassen, der jeden hätte erzittern lassen. Von diesem Augenblick an ist Maria die wichtigste Mitarbeiterin Gottes bei der Erlösung der Menschheit, die in vollem Gange ist und auch auf unsere Antwort wartet.

Wie kam es zum JA Mariens?

Der Evangelist Lukas gibt uns einige Hinweise, die erklären, unter welchen Umständen sich der Gehorsam gegenüber einem JA zum Herrn entfalten kann.

Der Evangelist sagt: „Der Engel des Herrn wurde von Gott nach Galiläa gesandt.” Aber Galiläa war ein verachtetes Gebiet, es galt als ein unbedeutendes Randgebiet, bewohnt von Leuten ohne Kultur und Einfluß. Es wurde „Galiläa der Völker” genannt.

Wenn jemand eine Person beleidigen wollte, war er sogar so frei zu sagen: „Was bist du doch für ein Galiläer?!”

Also, der Engel wurde zu Maria nach Galiläa gesandt: in dieser Entscheidung liegt eine Botschaft. Versuchen wir zu verstehen, worin sie besteht.

Der Evangelist fährt fort: „Der Engel wurde zu Maria nach Galiläa gesandt und zwar nach Nazareth.” Aber Narazeth war ein kleines Dorf, das niemals vorher in der Bibel erwähnt wurde. Bedenken wir: Als der Apostel Philippus zu Nathanael sagte: „Wir haben den Messias gefunden! Es ist Jesus von Nazareth!”, antwortete Nathanael, ohne zu zögern: „Aus Nazareth?! Was kann schon Gutes aus Nazareth kommen?”.

Diese Zeichen sprechen eindeutig von Demut! Und sie erinnern uns daran, daß Maria von Gott wegen ihrer großen Demut auserwählt wurde. Der hl. Bernhard beobachtete richtig: „Maria hat bei Gott wegen ihrer Demut Gefallen gefunden.”

Die Botschaft ist auch für uns klar: Die Demut ist unerläßlich, um ein offenes Herz zu haben, ein gelehriges Herz, ein Herz, das fähig ist, Gott aufzunehmen und gläubig seinem Ruf zu antworten.

Mutter Teresa von Kalkutta, eine Frau, die sich wahrlich durch Demut auszeichnete, sagte eines Tages: „Die Demut ist die Autobahn zum Paradies.” Vergessen wir das nie!

Und der hl. Agostino Roscelli (1818-1902), eine Priester aus Genua im 19. Jahrhundert, sagte: „Im Paradies gibt es nicht nur Märtyrer, Theologen oder Missionare aus fernen Ländern, aber mit Sicherheit gibt es nicht einen Einzigen, der nicht demütig gewesen wäre.” Er hatte vollkommen recht.

Aber der Engel geht nach Galiläa, nach Narazeth… und geht in ein Haus. Die Verkündigung geschah nicht in einem Tempel, sondern in einem Haus: auch darin steckt eine Botschaft.

Das Haus ist der erste Ort der Glaubensverkündigung und der Glaubensvermittlung.

Der hl. Johannes XXIII. schreibt in seinem Tagebuch: „Die Erziehung, die die tiefsten Spuren hinterläßt, ist diejenige, die man zu Hause erhält. Ich habe vieles vergessen, was ich aus Büchern gelernt habe, aber ich erinnere mich genau und mit großer Dankbarkeit der Belehrungen und dem Beispiel meiner Eltern.”

Das Beispiel der Eltern ist grundlegend, entscheidend. Und die hl. Teresa von Kalkutta hat hinzugefügt: „Noch bevor ich zum Katechismusunterricht ging, habe ich verstanden, daß Gott die Liebe ist. Ich habe es verstanden, weil ich das Beispiel meiner Eltern beobachtete. In ihnen sah ich eine so reine, so wahre, so gläubige und so großzügige Liebe …, sodaß ich eines Tages spontan ausrief: Hinter der Liebe meiner Eltern, da ist Gott!” Und so war es.

Versuchen wir, uns zu fragen: Welches Klima herrscht in unseren Familien, welche Botschaften erreichen die Kinder durch das Vorbild der Eltern, wieviel Glaube herrscht noch zu Hause, zumindest in den christlichen?

In den Tagen des 29., 30., 31. August und des 1. Septembers 1953 vergoß in Syrakus eine Statue der Madonna sehr viele Tränen.

Das Weinen der Madonna geschah in einem Haus, einem ehelichen Schlafzimmer über dem Bett einer jungen Mutter, die ein Kind erwartete.

Das Weinen der Madonna ist eine Botschaft für die Familien von heute: trocknen wir die Tränen der Gottesmutter, indem wir in unsere Häuser wieder einen tiefen Glauben bringen, einen gelebten Glauben, der fähig ist, die Kinder auf die Begegnung mit Gott auszurichten und zu ihm hinzuführen.

Legen wir diesen heiligen Vorsatz auf den Opferaltar. Er ist die Frucht, die Gott von uns in dieser Heiligen Eucharistie erwartet.

Angelo Kardinal Comastri
Generalvikar Seiner Heiligkeit für die Vatikanstadt
Erzpriester der Päpstlichen Basilika von St. Peter

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